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                        Beratung

      Mag. Eva Bitzan

 

Beziehungs- und Prozessgestaltung in der Paarberatung

Mag. Eva Bitzan
Erschienen in: ICH WERDEN AM DU, Berufsverband Dipl. EFL-BeraterInnen Österr. (Hrsg.), LIT Verlag, Wien 2008

Einleitung
Ich glaube es gibt wenige Problemkreise, für die es in unserer westlichen Gesellschaft keine Ratgeber, Anleitungen, Workshops und zu (guter?!) letzt Talkshows gibt. Eben das ist in den letzten Jahren auch für Beziehungen aktuell geworden.
Im Alltag und in den Schilderungen der Paare in der Beratung steht dem aber gegenüber, dass die Liebe als „Himmelsgeschenk“ gilt. Sie ist etwas, das einem zufällt, mit einem geschieht und möglichst märchenhaft endet. In diesem Bereich in eine Krise zu geraten oder gar zu scheitern ist nach wie vor eine tiefe persönliche Kränkung, ein Versagen bei etwas vermeintlich Angeborenem.
Auch ich bin der Meinung, dass eine Zweierbeziehung, wie Birgit Dechmann sagt „…noch der menschlichste Versuch aller Grenzüberschreitungen ist, den unsere moderne Zivilisation zur Verfügung zu stellen hat.“ Aber Grenzen zu überschreiten, in dem Fall die der eigenen Person, bedarf viel Energie, Einsatz, Fantasie und vieles mehr, und mitunter auch der Hilfe von außen, des Blickes eines Dritten, weil man an individuelle Grenzen gestoßen ist.
In der Unterstützung und Begleitung von Paaren sehe ich die Möglichkeit, den Blick zu weiten, neue „Grenzübergänge“ zu entdecken und dem Leben zu zweit neu auf die Spur zu kommen.
Warum schreibe ich ausgerechnet über Paarberatung? Weil ich Paare mag!

Nona, werden Sie sagen, wer seine Klienten nicht mag, hat ohnehin den falschen Beruf gewählt. Natürlich. Aber ich kann mich wirklich leidenschaftlich erwärmen für das an Paaren so Spezielle:

  • Ihr Gehabe, bevor bzw. wenn sie zur ersten Stunde kommen: Wer meldet wie an? Wer fängt zu erzählen an? Wer gibt das Tempo vor?
  • Die unterschiedliche Sicht der Dinge und damit eigentlich die Ganzheit des Lebens
  • Die Mimik und Körpersprache eines Partners, wenn der andere spricht
  • Die Ideen, warum sie einander „eingekauft“ (nach Koschorke) haben und warum sie einander auch oft wieder gehen lassen (müssen)
    Und welche Verrenkungen das Leben macht, um sie doch beisammen zu halten.
  • Die vielen Facetten des Lebens, die erst in einer Beziehung zum Tragen kommen, das Dasein lebenswerter, aber auch oft nicht mehr tragbar machen

Ich mag das!
Bald nach Beginn meiner Beratungstätigkeit – vielleicht bestärkt dadurch, dass ein Ehepaar im Zentrum meiner Diplomarbeit stand - wurde dieses Setting zu meiner „Lieblingsdisziplin“. Ich begann viel darüber zu lesen und spezielle Fortbildungen zu besuchen, wobei die unterschiedlichsten Paare, die in Beratung kommen viele Fachkommentare und Seminare übertreffen und hautnahe Erkenntnisse liefern.

Ich erhebe nicht den Anspruch, Paare, sobald wir Ihre Wünsche, Lasten und Ziele erarbeitet haben immer zu einer Lösung zu führen. Dazu ist das Leben und sind Beziehungen an sich oft zu kompliziert. Aber ich lasse mich bei allen Klienten gerne auf diese Herausforderung ein, neue Sichtweisen zu gewinnen, Ent-täuschungen und Belastungen auch gute Seiten abzugewinnen und sich als Paar mitunter neu kennenzulernen.

Wenn es gelingt, dass die Paare neue Seiten aneinander entdecken, die Entwicklung von Problemen verstehen können, eine bessere Form der Kommunikation finden und/oder ihr Geworden-Sein akzeptieren, dann betrachte ich das als Erfolg in meiner Arbeit.
Nicht immer gelingt es – oder ist es auch gar nicht das Ziel – einen neuen, gemeinsamen Weg für das betreffende Paar zu finden. Manchmal „scheitert“ Beratung; bin ich und ist das Paar mit seinem Latein am Ende. Auch das ist Realität und daraus erwächst für mich die Aufgabe, Vertreter dieser Wirklichkeit zu sein, diese bewusst zu machen.
Eine Begleitung, auch auf getrennten Wegen wird oft gerne angenommen, weil ich/wir beide mitsamt ihrer Geschichte bereits kennen.

1. Prozessbeginn
Wie beginnt nun eigentlich die Beratung mit Paaren, was ist das Spezifische daran?

Für mich interessant und oft schon ein erster Hinweis, den ich mir einfach merke ist: Wer von den beiden ruft an und vereinbart einen Termin? Das ist ja bereits – je nach Temperament – die erste Gelegenheit, ein Statement abzugeben, ein Bild zu zeichnen, wenn die Beraterin (oder der Berater) fragt, was den das Anliegen sei.

Manche erzählen eher kurz von dem Paarthema und alles Weitere soll dann von Angesicht zu Angesicht geklärt werden. Manche gehen sofort in medias res – bereits hier musste ich lernen achtsam zu sein: schnell ist man als potenzielle HelferIn beeindruckt, schockiert oder von Symphatien ergriffen – ohne überhaupt einen Termin vereinbart zu haben. Das lässt sich natürlich schwer vermeiden, aber ich halte diese Gespräche eher kurz und bin dann neugierig auf die erste Begegnung. Auch die Zaghaften, die gar nicht sicher sind, ob Beratung überhaupt in Frage kommt, ermutige ich zu einem persönlichen Gespräch – ist einmal dieser erste Schritt getan, nimmt die Veränderung ja schon ihren Lauf.

Und es sind übrigens nicht – wie man vielleicht glauben möchte – meist die Frauen, die für Beratung initiativ werden. Ich habe mir die Mühe gemacht, bei den Paaren, die bei mir in Beratung waren bzw. sind das Verhältnis zu ermitteln. Die männlichen bzw. weiblichen Anrufer halten sich in etwa die Waage. Wenn nach einem ersten Einzelgespräch der Partner dazukam, so war es meist ein Anliegen der Frau, den Partner einzubeziehen.

Für mich markant bei Terminen für Paare: die sollten möglichst schnell zu haben sein! Offenbar ist dann, wenn der Entschluss gefasst wird fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, wirklich Feuer auf dem Dach und auch wenn jahrelang diskutiert wurde – jetzt soll endlich was passieren!

Die erste Stunde – wie in der Ausbildung gelernt – ist oft die dichteste, interessanteste; der erste Satz mitunter der wichtigste, weil er das Anliegen komprimiert.

Aber auch bevor noch Worte gewechselt wurden, gibt es schon aussagekräftige Hinweise: Wenn es vom Ablauf her möglich ist, bitte ich das Paar im Beratungszimmer Platz zu nehmen, während ich noch einen Krug mit Wasser und Gläsern hole. Das bietet den beiden – vor allem wenn sie neu sind – die Möglichkeit sich mit dem Raum vertraut zu machen und außerdem in der Zwischenzeit Platz zu nehmen. Und eben dieses „Platz nehmen“ ist spannend: Sind sie auf Distanz gegangen und haben das jeweils andere Ende der Couch gewählt? Oder sitzen sie eng beisammen, halten sich an der Hand? Können sie einander sehen?

Alleine diese kurze, wortlose Aktion öffnet für mich ein wenig ein Fenster in diese Beziehung. Auch wenn Paare schon länger in die Beratung kommen, die Platzwahl bzw. wie sie zueinander sitzen ist immer ein Blitzlicht, das ich gerne anspreche.

„Platz nehmen“ und „Platz finden“ in dieser doch außergewöhnlichen Lebenssituation beginnt nun für das Paar und auch für die Beraterin, den Berater. Was kann, was darf hier gesagt werden; was muss sogar endlich erzählt werden? Werden hier die „Platzverhältnisse“ anders sein als zu Hause? Bekommt Unangenehmes, längst Zurückliegendes oder sogar Neues Platz? Paare erzählen, dass ihnen solche und ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind, bevor sie zum ersten Mal zur Beratung kamen.

Natürlich hat in der Beratung alles Platz – wenn es zum Thema gehört und dem Ziel dient. Und das will einmal erarbeitet sein. Mühevoll habe ich gelernt, dass vor allem Paare – eben gleich in Stereo - sehr rasch sehr viel Platz einnehmen. Wie eine Schleuse, die sich öffnet, ergießen sich Sorgen und Nöte vieler Jahre in den Raum und ich muss als ZuhörerIn gehörig rudern, um nicht darin unterzugehen.

„Da haben SIE aber ganz schön viele Probleme“ – ein simpler Satz aus einem Seminar von Martin Koschorke ist in so einem Fall ein gutes Werkzeug. Die Schlagworte (beim Schreiben fällt mir auf, wie doppeldeutig dieses Wort hier ist!) zu den Paar-Nöten auf Zettel geschrieben und zwischen den beiden aufgehäuft, wirken sehr anschaulich und schaffen die nötige Arbeitsdistanz. ((Idee ebenso von M. Koschorke) Nach Dringlichkeit gereiht, können die Begriffe nachher Grundlage der weiteren Arbeit sein.

Noch soll das – möglichst gemeinsame - Ziel gefunden werden. Jedoch die wenigsten Paare haben eine genaue Vorstellung, wo sie genau hinwollen, dafür eine umso genauere, von wo sie weg wollen, was nicht mehr sein soll. Und sie haben Angst.

Angst die jeder von uns kennt, wenn er sich Problemen, notwendigen Veränderungen, Konflikten stellen soll. Was ist, wenn Dinge sich auftun, die ich gar nicht wissen will? Was, wenn sich herausstellt, dass wir nicht zueinander passen? Was, wenn unsere Bedürfnisse und Wünsche grundverschieden sind? Was, wenn er/sie mich nicht wirklich liebt?

Jennifer London schreibt dazu in ihrem Buch „Tut euch gut“: „Wir sehnen uns nach Sicherheit, aber das schadet der Beziehung… Wir fürchten uns vor Veränderung, aber sie ist unausweichlich. Das Leben ist Veränderung.“

Und wenn es mir gelingt, dem Paar vor Augen zu führen, dass eine Veränderung bereits war, dass Sie den Schritt in die Beratung getan haben (anstatt sich zu Hause im Kreis zu drehen), dann haben wir schon ein Ziel umrissen: Es soll sich was ändern, ein neuer Blickwinkel soll gefunden werden, neue Perspektiven gewonnen.

Und so tauchen wir ein in die Welt des Paares, sortieren, hören und ordnen, was drängend ist und zuerst geklärt werden soll und was auf längere Sicht wichtig wäre und Beachtung braucht.

Exkurs: Paarberatung im Duett
Eine besondere Qualität in der Paarberatung ist für mich die Möglichkeit im Duett zu arbeiten. Und zwar als Mann und Frau. Leider sind in unserem Berufsfeld die Männer sehr rar und natürlich muss auch die „Chemie“ zwischen den KollegInnen stimmen, aber wenn irgendwie die Chance besteht, so zu arbeiten finde ich sie dem Paar gegenüber angemessener als Einzelberatung.

Ich habe für mich selbst eine Erweiterung des Blickfeldes, der Sicht der Dinge und Probleme erlebt. So sehr ich mich (in meinem Falle als Frau) auch bemühe die männliche Seite zu erfühlen, dem Paar ausgewogen gegenüber zu sitzen und alle „ins Boot zu holen“ – die Klienten blühen immer noch mehr auf, wenn ein Geschlechtsgenosse versucht, ihre Seite zu verstehen und zu reflektieren. Vor allem kritische Einwände landen besser; Konfrontationen werden eher zugelassen.

Als Paar zu beraten lässt Luft zum durchatmen, wenn die Probleme (und das Paar) drängend werden. Es erweitert die Methodenvielfalt und – es macht wirklich Spaß! Viel an Supervision findet gleich in der Nachbesprechung der Stunde statt: Warum habe ich diese Frage gestellt bzw. nicht gestellt? Ist ihm die Körperhaltung der Frau nicht aufgefallen? Uns so weiter. Oft habe ich den Eindruck, wofür man alleine 2 – 3 Stunden braucht, um es zu erarbeiten – auch weil man dabei möglicherweise einige Umwege geht – gelingt zu zweit in kürzerer Zeit. Das Wahrnehmungsspektrum ist einfach größer.

2. Der Beratungsprozess anhand eines Beispiels
Weil ein Prozess immer leichter anhand eines Beispiels zu schildern ist, will ich hier ein fiktives Paar – Birgit und Walter – vorstellen. Die beiden sind noch relativ jung, nehmen wir an Ende 20, Anfang 30 und haben gemeinsam ein sechsmonatige Tochter. Die Beratung aufgesucht haben sie, weil nach der (Früh-)Geburt der Tochter plötzlich nichts mehr in der Beziehung war wie vorher. Das Mädchen war zwar zu diesem Zeitpunkt nicht geplant, aber mit Freude erwartet. Die Zeit, die aber Mutter und Kind im Krankenhaus aufgrund intensiver medizinischer Versorgung der Kleinen verbringen mussten und auch die Wochen zu Hause entfremdeten die Eltern einander. Birgit richtete ihr Augenmerk alleine auf das Kind, keine Minute ließ sie es aus den Augen und auch nicht in der Obhut des Vaters (der nicht im gemeinsamen Haushalt lebte). Walter zog sich mehr und mehr zurück, suchte Kontakt zu Freunden und auch ehemaligen Freundinnen, verglich andere junge Familien mit seiner eigenen und wurde immer unzufriedener. Birgit wurde Walter gegenüber misstrauisch, weil sie Anrufe und Nachrichten von Frauen auf seinem Handy entdeckte – es kam zu Auseinandersetzungen, die immer öfter lautstark und verbal verletzend endeten.

Mit dem Wunsch, „neu zu starten“, alte Leichen endgültig zu begraben und einfach Familie sein zu können kamen sie in die Beratungsstelle.

Um gleich die oben erwähnte Beobachtung bzgl. „Platz nehmen“ an diesem Beispiel zu zeigen: die beiden saßen dicht nebeneinander, das Baby hatten sie mitgebracht und es ruhte friedlich auf Walters (!) Schulter.

In der ersten Stunde gelang es gut, Walters Kränkung angesichts der ihn ausschließenden Mutter/Kind-Symbiose anzusprechen. Er hatte sich sehr aufs Vatersein gefreut und sich das auch ohne weiteres unter den etwas schwierigeren Anfangsbedingungen zugetraut, nur Birgit fand immer Gründe, um ihn von der Kleinen fern zu halten. Und auch alle Freunde, die er in der Folge kontaktierte „fütterten“ seine Kränkung mit Schilderungen aus ihrem Familienleben. Also wurde er immer ungehaltener und schließlich laut und unflätig.

Brigit, die als Kind Beziehungen ihrer Mutter zu gewalttätigen Männern miterleben musste, legte jedes Wort und jede Grobheit von Walter auf die Goldwaage. Sie belehrte ihn bzgl. der Unmöglichkeit seines Verhaltens, jede sachliche Kommunikation wurde unmöglich. Es gelang uns (erzählt wird eine Paarberatung im Duett) gut, beide in ihrer Not zu sehen und füreinander sichtbar zu machen.

In der zweiten Einheit, der wir sehr gelassen entgegensahen, hatten wir es doch mit einem „vernünftigen“ Paar zu tun, lieferten uns beide die Anschauung eines solchen Konfliktes. Aus „heiterem Himmel“ verbot Birgit ihm das Wort und begann Walter sie zu beschimpfen – sie agierten jeder dem anderen gegenüber vom Eltern- zum Kinderheits-Ich, plötzlich und aus der Emotion heraus. Nun konnten wir uns zwar vorstellen, wie das Problem aussah, aber – Hilflosigkeit machte sich breit.

Birgit hat aufgrund ihrer eigenen Geschichte große Angst vor heftigen Auseinandersetzungen; sie spürt innerlich bereits eine Hand auf ihrer Wange, wenn äußerlich erst ein verbaler Schlagabtausch aufkommt. Sofort macht sie alle Luken dicht, sie sieht und vor allem hört ihr Gegenüber nicht mehr. Mit ihrer Körpersprache und kurzen Sätzen sagt sie ihm „So nicht. Sei sofort still.“

Walter möchte seine Kränkung zum Ausdruck bringen. Er ist sich aus seiner Erfahrung heraus sicher, dass er gute Argumente hat – er will ja NUR das Beste für sein Kind. Was kann Birgit dagegen haben? Aber seine laut vorgebrachten Ideen hört Birgit schon nicht mehr. Seine Stimmlage hat bewirkt, dass sie den Notausgang genommen hat. Bisher unbekannte Wut steigt in ihm auf – er weist sie zurecht wie ein Vater sein Kind, das unfolgsam ist. Er wird ausfällig, weil immer hilfloser.

Die Erkenntnis danach: Wir können nicht miteinander!

Aber: Da ist das Kind, da ist eine Liebe, die, wenn auch im Moment vergraben uns zueinander zieht – also können wir auch nicht ohne einander!

Als BeraterInnen sind wir eigentlich – auch wenn´s heftig ist – ganz dankbar für diese „Vorführung“. Wir können jetzt besser spüren, wie es die beiden umtreibt; können die Körpersprache beobachten; können Zusammenhänge herstellen. Nicht, dass das Paar alleine zu „dumm“ wäre, das auch zu tun. Aber zur Zeit sind sie so mit sich selbst beschäftigt und betriebsblind, dass scheinbar kein Weg aus diesem Dilemma herausführt.

Unsere bzw. meine Aufgabe sehe ich nun darin, relativ ruhig den Konflikt zu beobachten und dann mit dem Paar gemeinsam zu analysieren. Carl Rogers beschreibt seine Erfahrung als Therapeut so: „(…)Er (der Klient) soll wissen, dass ich mit ihm in seiner festen, eingeengten, kleinen Welt stehe, und dass ich sie relativ unerschrocken betrachten kann(…)Ich will ihn auf der angsterfüllten Reise hin zu sich selber begleiten, zu der begrabenen Furcht, zu dem Hass und zu der Liebe, die er nie in sich hat aufkommen lassen können.“

Birgit und Walter in ihre Welt zu begleiten war hier unser Auftrag. Den ganzen Beratungsprozess zu erzählen wäre hier zu umfangreich, aber kurz zusammengefasst, haben sie einander „neu“ kennen- und verstehen gelernt: Birgits Kindheitserlebnisse wollte Walter in Zukunft besser berücksichtigen, Walters Willen und seiner Fähigkeit als junger Vater wollte Birgit mehr Raum und Vertrauen schenken.
Mein Kollege und ich haben sie noch mit ein paar guten Ideen zur „Beziehungshygiene“ auf einen neuen Weg geschickt.

3. Persönliche Erfahrungen
So vielfältig, wie die Paare, so vielfältig sind auch die Beratungsstunden.

So gibt es einige, wo nach relativ kurzer Zeit ein großes Vertrauensverhältnis zwischen den Ratsuchenden und der/dem BeraterIn herrscht. In dieser Atmosphäre gelingt es vergleichsweise leicht, kritische Gewohnheiten des Paares aufzuzeigen. Eine belastende Vorgeschichte eines der beiden, die Schleifen in der neuen Beziehung zieht, kann angstfreier angeschaut werden. Humor kann hier eine große Hilfe sein – wenn ich als BeraterIn über ihr Tun und Scheitern lachen kann, können es Paare oft auch.

Es gibt auch Paare, bei denen sich die Beziehungsgestaltung nicht nur untereinander sondern auch zur Beraterin, zum Berater schwierig gestaltet. Nicht immer gelingt es leicht, einen angstfreien Raum zu eröffnen, indem sie – oder einer der beiden – sich zeigen wollen. Viele Stunden sind nötig; Supervision für mich, bis es vielleicht doch gelingt - an unerwarteter Stelle mitunter – Alternativen zum Bisherigen zuzulassen.

Eigene „Schatten“ holen mich leider auch ein – „dumm, faul und langsam“, die gelernten Beratertugenden weichen meiner Ungeduld und meinem Erfolgsanspruch ( schließlich will ich „heilen“ und „erlösen“, habe ich doch ursprünglich Theologie studiert…)

Die meisten „schlaflosen Nächte“ bescheren mir Paare, bei denen bald deutlich wird, dass es keinen gemeinsamen Weg mehr gibt. Selten sind sie sich darin einig; das wäre vergleichsweise einfach. Oft ist die Beratung der Ort, wo`s „rauskommt“. Wo einem der beiden am liebsten wäre, ich würde dem anderen - möglichst schonend - das Ende der Beziehung nahebringen. Hier soll endlich der Schritt zur Trennung gelingen. Das Verständnis für das Bedürfnis nach Loslösung für den einen und die Empathie mit der Wut und Trauer des anderen möchte ich als Beraterin nun unter einen Hut bringen.

Hier z. B. ist es besonders wertvoll, einen Kollegen an der Seite zu haben: das Angebot, eventuell jeden der beiden für sich weiter zu begleiten, kann entlasten.

Meine persönliche „Idealvorstellung“ von Paarberatung beginnt lange bevor die beiden krisengeschüttelt vor mir sitzen. In einem Workshop habe ich auch bereits versucht dem näher zu kommen: Aufmerksamkeit und Zeit für die Beziehung, Ressourcenarbeit zu zweit BEVOR es eng wird. Denn das wird es ganz bestimmt irgendwann einmal für alle Paare. Geradezu typische Zeiten gibt es dafür: die Geburt eines Kindes, ein Berufswechsel, der Auszug von Kindern. Die Zeit der nachlassenden Kräfte, die Zeiten großer Langeweile und die Zeiten turbulenten Familienlebens. Und obwohl Krisen niemanden freuen, geht ohne sie im Beziehungsleben nichts weiter. Der Umgang damit kann aber meiner Meinung nach gelernt werden, man muss nicht unvorbereitet und blauäugig in sie hineinstolpern.

Im Fall von Paaren heißt das: wer seinen Partner und dessen Lebensgeschichte kennt, wer sich vertraut macht mit der Sprache des anderen („Höre was ich meine und nicht was ich sage!“) und Verständnis für (Weiter-)Entwickelungen des anderen aufbringen kann, hat die halbe Krise schon gemeistert.

Meine Idee wäre also eine Paarberatung in „guten Zeiten“, bevor die beiden nicht mehr weiterwissen. Denn dann sind beide aufnahmefähiger für Veränderungen und es sind noch nicht soviele Verletzungen passiert, die oft nach heftigen Krisen ein neues Vertrauen erschweren.

Beratung kann eigentlich einer pädagogische Tätigkeit gleichgesetzt werden: sie gibt Anregungen zum Leben-lernen, Hilfe zur Selbstorganisation und somit zur Selbsthilfe.

Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Menschen meinen, mit dem Finden eines Partners, der Heirat (sowie mit der Zeugung und Geburt eines Kindes) ergebe sich „Alles“ Weitere von selbst. Mit dem Verlassen der Bildungseinrichtungen – je nachdem zwischen 15 und 25 Jahren – hat man fürs Leben gelernt, was nötig ist. Hier schließt sich der Kreis zur Einleitung: vermeintlich ist die Beziehungsfähigkeit angeboren oder ein „Himmelsgeschenk“.

Die Erfahrung zeigt uns, dass es nicht so ist. Lernen, sich neu orientieren, eigene Ressourcen entdecken und Leben und Beziehungen zu gestalten bleibt eine Lebensaufgabe.

Dazu die Hilfe eines professionellen Beraters, einer Beraterin in Anspruch zu nehmen wird immer „gesellschaftsfähiger“. „Die Ratsuchenden werden als Experten für ihre Probleme angesehen, während der Berater, die Beraterin als Experte für Lernprozesse gilt.“ Sie geben Unterstützung bei präventiven und ressourcenfördernden Maßnahmen.

Für mich als Beraterin mit dem Schwerpunkt „Paare“ heißt das – wenn die KlientInnen zustimmen – ein Stück Erziehungsarbeit an ihnen zu leisten, wobei ich natürlich auf ihre Mitarbeit angewiesen bin. Der wichtigste Unterrichtsgegenstand ist sicher die Kommunikation zwischen den beiden und die vielen damit verbundenen Methoden. Können sie einmal zuhören und von ihren persönlichen Nöten sprechen, können Themen wie Kinderbetreuung, Finanzen oder Großfamilie besser in Angriff genommen werden. Wie bei Birgit und Walter, wo nicht zuerst die Inhalte der Auseinandersetzung vordringlich waren, sondern die Art und Weise, wie die geführt wurde. „Beziehungskultur“ sozusagen als Wahlfach – wie bleibe ich als Liebespaar nicht auf der Strecke, haben wir „Zeit zu zweit“ – ist dann schon eine vergleichsweise lustvollere Übung für BeraterIn und Paar.

Schlussbemerkungen
Einige Gedanken von Erich Fried möchte ich ans Ende dieser Ausführungen stellen. In seinem Gedicht „Wohin?“ stellt er fest, dass die Liebe zum Grübeln führt, das Grübeln zu Trauer, die Trauer zum Mitleid, das Mitleid zur Verzweiflung, die Verzweiflung zu den Fragen. Dann meint er weit:
„(…)Zu den Fragen? Aber die Fragen führen zur Auflehnung.
Zur Auflehnung? Aber die Auflehnung führt zum Tod.
Also zum Tod? Aber ohne Auflehnung, ohne Mitleid, ohne Liebe – was wäre das Leben?“

Am Anfang der Beziehungen und Paar-Geschichten, die ich bisher begleitet habe, stand meist die Liebe. Danach befragt, konnten beide Partner sich auch wieder an die ersten Monate erinnern und staunen. Am Ende des Weges, der sie in die Beratung geführt hatte, hatten sie aber auch Trauer, Verzweiflung und Auflehnung, vielleicht sogar sowas wie den „Tod“ ihrer Beziehung erlebt. Trotzdem saßen sie hier. Um des Lebens willen.

Ich hoffe, dass die beiden Menschen, die ein Paar ausmachen, durch den Prozess der Beratung wachsen. Dass sie, durch die Beziehung, die für einige Zeit zwischen uns wächst und es uns und mir ermöglicht, sie durch Angst, Trauer, Verzweiflung und Liebe zu begleiten neu auf den Weg des Lebens kommen. Ob miteinander oder getrennt. Und dass sie weitererzählen, dass Krisen auch Chancen enthalten und zur Ganzheit des Lebens dazugehören.

Literaturliste
Dechmann B., Ruffel C. (2001) : Vom Ende zum Anfang der Liebe, Weinheim und Basel
Louden J. (2005) : Tut euch gut! Das Wohlfühlbuch für Paare, München
Rogers C. (1982) : Entwicklung der Persönlichkeit, 4. Auflage, Stuttgard
Krause C., Mayer C.-H., Assmann M. (2007) . Profil und Identität professioneller Berater und Beraterinnen. In: Beratung Aktuell 3/07, 140-158
Fried E. (1981) : Lebensschatten, Berlin

Weiterführende Literatur:
Brown J.R. (2004): Zwei in einem Sieb. Märchen als Wegweiser für Paare, Köln
Küstenmacher M. und W. 82006): Simplify your love, Frankfurt/Main
Sanders R. (1998) : Zwei sind ihres Glückes Schmied, Paderborn
Jung M. (2004) : Das sprachlose Paar. Wege aus der Krise, 2. Auflage , München
Weinzettl M., Rudle G. (2007) : PaaRanoia, Wien